Mathias Lindner Direktor Neue Sächsische Galerie, Chemnitz
Katalogtext “grisgris” (Auszüge)
Jeder Figur Anija Seedlers wohnt eine Präsenz inne, die den meist unbeschriebenen Bildraum als Bühnenraum, die Haltung als sich zeigende, bewußt eingenommene erkennen läßt. Hier wird dargestellt, nicht entdeckt oder konstatiert. Egal ob Tier oder menschliche Figur, alle Gestalten sprechen aus ihren Haltungen, Gesten, der Mimik oder mit Maske und Kostüm. Eine pantomimische Requisitenkammer.
Anija Seedler kommt vom Theater her und weiß sehr genau den Punkt zu finden, an dem ein Tier seine konventionelle Charakterisierung, seine Erkennbarkeit, noch behält und zugleich von ihr mit einer Idee beladen werden kann. Die Plausibilität, aus der die große Überzeugungskraft der Arbeiten herrührt, liegt in der sichern Hand der Künstlerin für kraftvolle und zugleich originelle Assoziationen, [...]
In den porträtartigen Figurinen verschiebt sich der Schwerpunkt von den Haltungen zu geradezu surrealen Überzeichnungen. Münder und Augenringe werden extrem herausgezogen und mit atmosphärisch charakterisierenden Farben versehen. Die Spannung zwischen eleganten Formen und den innewohnenden abgründigen Ausdruck nimmt zu. Zur weiteren Steigerung ihrer Möglichkeiten hat Anija Seedler für sich den Einsatz von Leuchtfarben entdeckt. Gemeinsam mit den jetzt häufiger auftretenden schwarzen Flächen bauen sich neue Spannungsfelder zum Duktus der leichten Hand auf, die nur das Unkorrigierte gelten läßt. Je artifizieller sie zu werden scheint, desto dichter rückt die Zeichnerin ans Leben mit seinen Widersprüchlichkeiten der Empfindungen, der Oberflächen und der Hintergründe heran. [...]
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Valeria Dimodica Schriftstellerin, Bologna
für “DADA” No. 12-08
(Textauszüge, Übersetzung aus dem Italienischen)
Imprendibili!
Jemand hatte mal gesagt: Ich würde gern ein Bild der Geburt Christus sehen oder eine Erschaffung der Welt, aber aus der Ansicht des Ochsen...! [...]
Anima-li!
Ein Klang oder ein Bild weiß besser als eine Taxonomi, Schönes, Hässliches und Mysteriöses zu beschreiben.
Eine Overtüre des schlauen Füchsleins zum Beispiel oder ein persönliches Bestiario, wie das, was ich hier in diesem Raum entdecke.
Ein Pinsel bindet Pigmente und hinterlässt poetisch gezeichnete Vielfältigkeiten auf Papier. Tiere: eigentümlich, kraftvoll, zart, zweifarbig, schillernd, einzeln, ungesellig und schön... Eine Irritation der Wahrnehmung, im Betrachten der Formen und Farben, der vielgestaltigen und treffenden Beschreibungen. Eine Handschrift die alle denkbaren Bezüge setzt, um den elementaren Wesentlichkeiten der jeweiligen Tiere nahezukommen. [...]
„Einige weißt du, sind eigentümlich, seltsam und zum Lachen und doch sind sie alle nicht wirklich greifbar, etwas bleibt immer verborgen! Manchmal, wenn ich Tiere zeichne, fühle ich mich wie Jona im Walfisch, dann bemerke ich, dass tausend Leben nicht ausreichen, um alle kennen zu lernen!?“
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Dr. Chiara Cretella Kunstwissenschaftlerin, Bologna
für “le voci della luna”, Zeitschrift für Kunst und Literatur
(Textauszüge, Übersetzung aus dem Italienischen)
Auf dem Jahrmarkt des Lebens
Natur und Kultur der zeichenhaften Schauplätze von Anija Seedler
Diese Kleider schienen einer strukturalen Intension, einer mechanisch-ästhetischen Typologie des Diskurses der Avantgarde, zu folgen. Ein Klang von Schönheit, welcher den Ton der Starrheit und der zeitgenössischen Entfremdung wiedergibt. Dennoch, schon in diesen frühen Arbeiten, besonders in Anijas fotografischen und zeichnerischen Skizzen, Skizzen szenischer und tänzerischer Handlungen, war stark ihr Sinn für eine weitere Charakteristik spürbar, dem weniger Futuristischen, dem Ursprünglichen, welches seine symbolischen Deutung in der Reduktion auf Bewegung und Position der Körper findet. Eine schon strukturierte märchenhafte Metapher, in welcher sich Alice im Wunderland, die Gebrüder Grimm und der surrealistische Einfluß gewisser atmosphärischer Störungen mischen. [...]
Sie hat die delikate Linie der Illustration für Kinder kultiviert, schafft Schätze aus ihrer Passion für Choreografien und für den Zirkus. Der Zirkus als Lebensmetapher, als symbolischer Spielort, als inneres Karussell, welches, wie eine Arche Noah, die Tragödien der Bosheit und des Schmerzes aber auch der Freude und der Verrücktheit, beherbergt. [...]
Die Wahl der Objekte und Inhalte vom unendlich Großen bis zum unendlich Kleinen, rückt einen Punkt alternativer Lebensansicht ins Licht, fähig fundamentale Poetik zurückzugeben und wenn es die eines mutierenden Insektes ist.
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Prof. Volker Pfüller Bühnenbildner und Illustrator, Berlin
(Textauszug zur Ausstellung "Januar jagt Jaguar”)
Sie liebt die Leichtigkeit. Die Aquarellfarbe scheint von allein an die richtigen Stellen auf dem Papier zu fließen um beim Trocknen auch noch die richtigen interessanten Ränder zu bilden. Ihre Federzeichnungen vermitteln die Illusion, dass die braune oder rote Tinte auf eigene Faust aus der Feder strömt und der Strich ohne zu stocken genau das abbildet , was er soll. Es scheint alles sehr mühelos entstanden zu sein. Das ist natürlich eine Täuschung, die auf ihrer Kunst beruht. [...]
Wir haben Blätter von großer Einfachheit und zugleich doch von großer Raffinesse vor uns. Besonders die Farben sind von schwelgerischer Schönheit, sie haben einen hohen Reiz in ihrer meisterhaften Balance von warmen und kühlen Tönen, von schwebenden Valeurs und herzhaften Akzenten. [...]
Die Tiere, die wir hier sehen sind oft aus einem Farbfleck entstanden und doch unerhört charakteristisch. Wir finden Insekten, Frösche, Vögel, Fledermäuse, kleine und riesige Vierbeiner, kurz gesagt: alles von der Mücke bis zum Elefanten…
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Andre Kramm Architekt, Förderkreis Bildende Kunst, Limburg an der Lahn
(Textauszug zur Ausstellung „Scheinwarnpracht“)
Die scheinbar mit großer Leichtigkeit erstellten farbigen Zeichnungen und Aquarelle verführen in eine Welt mit wunderlichen Figuren und unbekannten Fabelwesen. Eine Reise in die Welt des Fiktiven erscheint wie ein realistisches Abbild von vertrauten Lebewesen. Täuschend echt, einer Mimikry ähnlich, erscheint diese Nachahmung durch Verfremdung und Überlagerung, die im Ungewöhnlichen und Undefinierten endet; sie steht zwischen den Realitäten.
Die Arbeiten verführen ins „Dazwischen“, sie nehmen auf eine Reise mit ins Surreale, sie suggerieren die Lust am Entdecken des Wesentlichen einer Gestalt, einer Figur, deren Gestik und MImik. Anija Seedler führt den Pinsel und die Feder mit ruhiger sicherer Hand, die Bilder entstehen im Kopf und scheinen zielsicher auf das Papier zu wandern, mühelos ohne abzusetzen, einer flüchtigen Skizze verwandt. Sie täuscht, sie manipuliert uns und unsere Wahrnehmung, dies ist ihre Kunst.
Beseelt scheint Anija Seedler vom Forschergeist einer Künstlerin zu sein, die sich auf eine Expedition in Unbekanntes begibt, um die Wirklichkeit zu begreifen und das Wesentliche still mit feinen Pinsel und farbenfrohen, unprätentiösen Blättern im wunderlichen Detail zu suchen und zu finden.
Kraftvoll werden Tusche, Aquarell und Acryllack auf Papier nebeneinander gesetzt, kontrovers auch die Technik, die Anija Seedler überzeugend kombiniert.
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Jens Kassner Autor und Redakteur, Chemnitz
(Textauszug Meerjungfrauen und blinde Liebe, Artikel zur Ausstellung „grisgris“)
Anija Seedler liebt Tiere. Auch solche die Alfred Brehm noch nicht kannte, beispielsweise das Panoramanashorn, das im fetten Goldrahmen noch gewichtiger wirkt. Oder den falschen Hasen, der einer Speisekarte entsprungen sein muss. Die drei Schnepfen hingegen sehen sehr menschlich- weiblich aus. [...]
Bei den Bildern selbst wie auch den Titeln gehen Poesie und Humor eine enge Liaison ein. Der Verzicht auf realistische Ausarbeitung der Anatomien wie auch das fantastische Vermischen verschiedener Elemente lassen an Illustrationen zu Märchen denken. Doch es scheint eher die Figurenaufstellung für ein Märchenstück zu sein [...]