MATHIAS LINDNER
Menagerie

Farben, Täuschungen und fremde Schönheiten. Anija Seedlers Figuren in menschlicher Gestalt treten auf. Sie zeigen sich. Im hellen Licht dominieren die Konturen. Mit roter Tusche geben diverse Paare, Maskenfiguren oder Verkleidete eine Rolle aus dem alltäglichen Leben. Immer haftet ihnen etwas imperfektes an – eine Situation, in der sich künstlerische Produktion und dargestellte Situationen auf gleicher Ebene treffen. Im Seedlerschen Lexikon menschlicher Befindlichkeiten spielen die Beziehungen eine zentrale Rolle. Abtauchen oder sich verstecken können Lösungen sein, wie Posieren am Rande der Lächerlichkeit. Der Geist des Mitfühlens macht diese sparsam virtuosen Zeichnungen zu Meisterwerken.

Seedlers tierische Wesen hingegen erscheinen in aller Regel als Beobachtete. Deren Gleichgültigkeit gegenüber dem Betrachter läßt ihre Formen auf dem Papier zuverschmitzten Naturstudien werden, wenn erdachte Wesen dies überhaupt zu geben vermögen. Das Bedürfnis nach der Metapher menschlichen Agierens ließ sie entstehen und oft genug noch übersteigern ins Phantastische. Die Arbeit mit großen Pinseln und transparenten Tuschen sorgt für den Eindruck des Zeitlichen und des in Bewegung erfaßten. Schönheit und Fremdheit entstehen hier durch eine enorme Intensität der Farbe und die Verwendung von Leuchtpigmenten.Im Kontrast eingesetzte, haptisch stark präsente stumpf deckende Farben wie Asphaltlack und Collageelemente aus matt gestrichenen Papieren steigern die Wirkungen des flüchtigen Leuchtens. Während die Tusche aus der Feder ihrer Verwendung nach der präzisen und klar gezogenen Linie dient, nutzt die Künstlerin die Wahrscheinlichkeit der drucktechnischen Unschärfe bei der mehrfarbigen Risografie, einer Technik, die sie gerade erst für sich entdeckte. Erfunden in den 1970er Jahren, wurde die Risografie schnell Opfer der Digitalisierung und weiteren Flexibilisierung der Druckprozesse und findet heute nur noch im künstlerischen Druck Anwendung. Sie erlaubt schnelle und wechselnde Druckprozesse von beliebig gezeichneten Vorlagen. Anija Seedler hat ganz im Sinne ihrer Pigmentmalerei die Vorzüge der hauchdünngedruckten und damit transparenten Farbaufträge der Risografie erkannt. In mehreren Druckvorgängen kombiniert sie leicht unterschiedlichste Zeichenvorlagen. Das Probieren hat hier ein großes Feld, dem experimentellen Sinn stehen alle Türen weit offen. Seedlers Figuren erhalten in diesem Prozess eine erstaunliche Lebendigkeit.

Heitere Gelassenheit ist heute eine schwierige Haltung geworden, inhaltsfreie Selbstironie der übliche Modus. Davon bleibt Anija Seedler frei. Die Verbindung eines theatralischen Realismus in gelassener Haltung mit dem Agieren im leuchtenden Farbenfeld machen ihre Arbeiten zu einer singulären Erscheinung in der Kunstwelt.

Oktober 2019


Gris Gris

Jeder Figur Anija Seedlers wohnt eine Präsenz inne, die den meist unbeschriebenen Bildraum als Bühnenraum, die Haltung als sich zeigende, bewußt eingenommene erkennen läßt. Hier wird dargestellt, nicht entdeckt oder konstatiert. Egal ob Tier oder menschliche Figur, alle Gestalten sprechen aus ihren Haltungen, Gesten, der Mimik oder mit Maske und Kostüm. Eine pantomimische Requisitenkammer. Anija Seedler kommt vom Theater her und weiß sehr genau den Punkt zu finden, an dem ein Tier seine konventionelle Charakterisierung, seine Erkennbarkeit, noch behält und zugleich von ihr mit einer Idee beladen werden kann. Die Plausibilität, aus der die große Überzeugungskraft der Arbeiten herrührt, liegt in der sichern Hand der Künstlerin für kraftvolle und zugleich originelle Assoziationen, mal weiter entfernt, mal naheliegende. ...
Menschliche Gestalten zeigen markante Bewegungen, die einen Charakterzug der Person abzubilden scheinen. Alle verfügbaren Requisiten werden einbezogen und die Linienführung von Pinsel und Feder unterstützt die Ambition. Ausdrucksformen entstehen, die sich von der Aufgabe körperlicher Beschreibung gelöst haben. Es lohnt sich in diesem Zusammenhang etwa die Zeichnungen der schreitenden Frauen genauer zu betrachten. Sichtbar werden bei solch detaillierten Blick auch die künstlerischen Sympatien oder Vorbilder: Picasso, Matisse und insgesamt die freie Leichtigkeit und Haltung südlichen Lebens, die der Melodielinie den Vorrang vor der harmonischen Konstruktion einräumt.

In den porträtartigen Figurinen verschiebt sich der Schwerpunkt von den Haltungen zu geradezu surrealen Überzeichnungen. Münder und Augenringe werden extrem herausgezogen und mit atmosphärisch charakterisierenden Farben versehen. Die Spannung zwischen eleganten Formen und den innewohnenden abgründigen Ausdruck nimmt zu. Zur weiteren Steigerung ihrer Möglichkeiten hat Anija Seedler für sich den Einsatz von Leuchtfarben entdeckt. Gemeinsam mit den jetzt häufiger auftretenden schwarzen Flächen bauen sich neue Spannungsfelder zum Duktus der leichten Hand auf, die nur das Unkorrigierte gelten läßt. Je artifizieller sie zu werden scheint, desto dichter rückt die Zeichnerin ans Leben mit seinen Widersprüchlichkeiten der Empfindungen, der Oberflächen und der Hintergründe heran. ...

July 2009


Zirkusmethamorphosen

Das Portrait einer “Göttlichen” oder auf neudeutsch eines Stars behauptet die Künstlerin vor den Betrachter zu stellen. Aber alles ist anders als auf den Magazinen der heilen Bildwelt der Medienprominenten. Anija Seedler fokussiert ihren Blick soweit, dass dem Betrachter der schöne Körper dieser Dame vorenthalten bleibt. Ein leichtes, hochgeschlossenes Kleid umspielt seine Schulterpartie vor einem lichten unbestimmten Hintergrund, der nichts vom Leben der Figur erzählen darf. Der Kopf wurde an zwei Seiten angeschnitten, das Haar fällt über Augen und Nase. Ins Zentrum des Bildes rückt der gestreckte Hals. Zusammen mit dem geöffneten, blutroten Mund ein Verweis auf ihre Herkunft vom Theater? Ist sie nichts als Stimme, da von ihr sonst nicht viel gezeigt wird? Die Künstlerin zwingt uns Betrachter eigentlich zu nahe heran an die Diva. Das Ideal löst sich angesichts unschöner Hautpartien und der Teilnahme an einer leidenschaftlichen, unheimlichen und ungeklärten Situation auf. Die Schönheit dieser Figurine des Theaters, vielleicht der commedia dell´arte ist nicht von dieser Welt. Sie ist unbequem, kein nachstrebenswertes Vorbild. Sie stellt zuallererst eine Herausforderung dar und behauptet so eine andere Wertskala für das “Göttliche” unserer Zeit.

Besonders bemerkenswert und im sächsischen Kunstgeschehen einzigartig, arbeitet Anija Seedler mit dem Aquarell. Ihr relativ trockener Pinsel, der die intensiven Farben und scharfen Konturen ermöglicht, gestattet auf der anderen Seite nicht die geringste Korrektur. Ergänzt wird die Brillanz der Farben in zahlreichen Arbeiten von der haptisch interessanten Verwendung von Graphit, Asphaltlack und Tusche

September 2003